Der Bordbistro-Putsch
Oder: Wie wir den ICE 621 kulinarisch retteten.
Alles begann harmlos um 11:17 Uhr am Bahnhof Kissenthal. Der RE7 brachte uns pünktlich um 11:55 Uhr nach Würzburg Hbf. Dort, auf Gleis 4, stiegen wir um 12:07 Uhr in den ICE 621 nach München Hbf ein.
Es war ein Feiertag. Der Zug war nicht nur voll, er war überbucht. In den Gängen standen sogar Leute mit Rollbrettern. Wir saßen in der First Class, genossen unseren mitgebrachten Gin und dachten, das Schlimmste läge bereits hinter uns.
Dann rochen wir es. Nicht den Duft von frischem Kaffee oder warmen Brezeln. Es roch nach verbranntem Plastik und aufgegebenen Träumen.
Ein panischer Zugbegleiter stürmte durch den Waggon. „Meine Damen und Herren, wir haben einen technischen Defekt im Bordbistro. Die Kaffeemaschine ist explodiert, der Kontaktgrill raucht, und unser Bordkoch... nun, der Bordkoch hat sich in der Speisekammer eingeschlossen und weint.“
Ein kollektives Stöhnen ging durch den Zug. 300 hungrige, gereizte Deutsche. Das Potenzial für eine Meuterei war greifbar.
Die Übernahme der Kommandozentrale
Tippi stellte ihr Sektfläschchen ab. Ihre Augen verengten sich. Es war der Blick, den sie sonst nur reservierte, wenn jemand ihre Trüffel-Bratwurst mit Ketchup verwechselte.
„Ich lasse nicht zu, dass 300 Menschen auf 200 Stundenkilometern mit lauwarmem Leitungswasser und abgelaufenen Sandwiches abgespeist werden. Das ist ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Tony, komm mit. Wir übernehmen die Küche.“ — Tippi von Wolkenstein
Bevor der Zugbegleiter protestieren konnte, hatten wir uns Zugang zur winzigen, verrauchten Bordbistro-Küche verschafft. Der Bordkoch saß auf einem Sack Mehl und schluchzte. Tippi schob ihn sanft, aber bestimmt zur Seite, band sich die schmutzige Schürze des Kochs um ihren eleganten Mantel und inspizierte die Schäden.
„Der Herd ist tot“, diagnostizierte sie kühl. „Aber wir haben noch 40 Packungen meiner vakuumversiegelten Trüffel-Bratwürste im Gepäckwagen. Und wir haben den Heißwasserhahn für den Tee.“
Sie sah mich an. „Tony. Ich brauche exakt 82 Grad Celsius, um die Würste im Wasserbad zu garen, ohne dass die Haut platzt. Berechnest du mir die Mischverhältnisse aus kochendem Wasser und der kalten Leitung?“
Ich grinste und zog meinen Taschenrechner. „Mit einer Wassertemperatur von 98 Grad am Hahn und einer Leitungstemperatur von 12 Grad benötigen wir ein Mischverhältnis von 1 zu 0,23. Ich regle das.“
Thermodynamik und Trüffel
Was dann folgte, war keine Zugfahrt mehr. Es war eine militärische Operation. Tippi stand an der Theke wie eine Generälin. Sie schnitt die Würste auf, goss das exakt temperierte Wasser darüber und servierte sie auf kleinen Papptellern, garniert mit Senf, den sie aus den Notfall-Rationen der Zugbegleiter requiriert hatte.
Ich stand davor, organisierte die Warteschlange, kassierte (auf freiwilliger Basis) und erklärte den faszinierten Fahrgästen die physikalischen Vorteile des Wasserbad-Garens gegenüber dem direkten Grillen.
Innerhalb von zwanzig Minuten hatte sich die Stimmung im Zug gedreht. Aus gereizten Meuterern wurden selige Genießer. Menschen, die sich vorher wegen eines umgekippten Koffers angeschrien hatten, teilten sich jetzt lachend Senf und nippten an Tippi's Gin, den wir zur Verdauung ausschenkten.
Der Zugbegleiter kam vorbei, wischte sich eine Träne aus dem Auge und flüsterte: „Ich habe in 20 Jahren Dienst noch nie so etwas Schönes gesehen.“
Applaus auf dem Bahnsteig
Als wir um 14:15 Uhr in München Hbf ankamen, wurde der Zug nicht etwa mit Buhrufen empfangen, sondern mit spontanem Applaus. Die Fahrgäste winkten uns zu, als wären wir Rockstars.
Draußen auf dem Bahnsteig, während der Zug entladen wurde, sah Tony auf seine leeren Edelstahl-Wasserkannen, dann zu Tippi, die sich gerade die Schürze von ihrem eleganten Mantel streifte.
„Ich habe mein Leben lang die komplexesten Weichensysteme und Bremskurven analysiert. Aber die größte logistische Meisterleistung der Deutschen Bahn war heute, 300 Mägen mit exakt 82 Grad heißem Wasser und deiner Wurst zu befrieden.“ — Tony S. Land
Tippi lächelte müde, aber zufrieden. Sie nahm einen Schluck aus ihrem 0,2l Sektfläschchen und blickte auf den nun leeren, aber glücklich duftenden Bordbistro-Waggon.
„Weißt du, Tony, ein Zug fährt nur so gut, wie seine Passagiere gegessen haben. Die DB mag die Schienen besitzen, aber heute Nachmittag gehörte der Geist dieses Zuges mir. Und deiner Wurst.“ — Tippi von Wolkenstein