S6 nach Köln
Chaos, Dom und Bratwurst – ein Tag im Rheinland.
Es gibt Reisen, die beginnen mit einem eleganten Gin Tonic im Orient-Express. Und es gibt Reisen, die beginnen mit einem 0,2l Sektfläschchen in der S-Bahn. Beides hat seinen Reiz – aber nur bei einer davon singen am Ende 200 Menschen im Chor „FC Kölle, du bes et Jlöck!"
Heute war Tag zwei. Tippi und Tony besuchten Tippi's Schwester Mona in Langenfeld am Rhein. Mona, fünf Jahre älter als Tippi, aber mit dem gleichen schlagfertigen Charme, hatte einen Plan: „Wir fahren nach Köln. Dom ansehen, Bratwurst essen, Kölsch trinken. Alles richtig rheinisch."
Die Hinreise: Bis Leverkusen-Mitte noch idyllisch
Wir stiegen entspannt ein. Pünktlich um 09:34 Uhr fuhr die S6 ab Gleis 4 in Langenfeld (Rheinland) Richtung Köln-Worringen los. Bis Leverkusen-Mitte war alles herrlich ruhig. Tippi öffnete ihr erstes 0,2l Sektfläschchen aus der Handtasche, Tony klappte seinen großen Papier-Fahrplan auf und begann, die Taktung der S6 mit der S1 zu vergleichen.
„Weißt du", sagte er und zeigte auf den Plan, „die S6 fährt im 20-Minuten-Takt, aber zwischen Langenfeld und Leverkusen gibt es diese kleine Lücke um 14:07 –"
„Tony", unterbrach ihn Mona mit einem amüsierten Lächeln, „wir sind nicht im Eisenbahnzimmer. Entspann dich. Der Zug fährt. Wir sind drin. Alles gut."
Tippi nickte zustimmend und prostete Mona mit ihrem Sekt zu. „Lass ihn. Er braucht das. Ist wie sein Gin – ein Ritual."
Ab Leverkusen-Mitte: Willkommen im Rheinland
Dann, um 09:43 Uhr, hieß es: Leverkusen-Mitte. Die Türen öffneten sich – und herein strömte eine Woge aus Rot-Weiß.
Ein Heer von FC-Köln-Fans ergoss sich in den Waggon. Schals, Trikots, Mützen, Fahnen. Und alle – wirklich alle – hatten entweder ein Kölsch in der Hand oder sangen. Die S6 verwandelte sich in 30 Sekunden von einem ruhigen Nahverkehrszug in eine rollende Stadion-Kurve.
Mona grinste breit. „Hab ich euch gewarnt. Ab hier wird's lustig."
Tony klappte seinen Fahrplan zusammen. Er wusste: Gegen 200 singende Fußballfans kam selbst der beste 20-Minuten-Takt nicht an.
Ein besonders fröhlicher Fan mit einem riesigen FC-Schal lehnte sich zu Tony rüber: „Kölsch, Alter?" Tony, der sonst englischen Gin Tonic trinkt, nahm höflich an, nippte – und musste zugeben: „Nett. Aber mein Gin ist besser."
Der Fan lachte laut. „Dann trinkst du falsch, Alter! Hier trinkt man Kölsch!"
Tippi und Mona lachten Tränen. Tippi tauschte heimlich ihren Sekt gegen ein Kölsch – und musste zugeben: „Okay. Für ein Bier... ganz nett."
Der Rest der Fahrt (über Köln-Stammheim, Mülheim und Buchforst bis zum Messe-Deutz) war ein einziges Singen, Grölen, Prost. Tony wurde von einem Fan zum „Ehren-Köln-Fan" ernannt und bekam einen Schal umgehängt. Er trug ihn mit einer Mischung aus Würde und Amüsement – und sagte nur: „Egaaal, wir sind auf Schienen."
Der Kölner Dom: Majestätisch und ehrfurchtsvoll
Um 10:03 Uhr rollten wir auf Gleis 10 des Kölner Hauptbahnhofs ein. Ausgestiegen, standen wir plötzlich vor dem Kölner Dom. Und der Kontrast konnte nicht größer sein: Vom rollenden Fußball-Stadion zur gotischen Kathedrale, die seit über 600 Jahren den Himmel über Köln überragt.
Tony war still. Er, der normalerweise bei jeder technischen Sehenswürdigkeit sofort ins Schwärmen geriet, stand einfach da und schaute nach oben. „Das ist...", sagte er leise, „das ist wirklich... groß."
Tippi nahm seine Hand. Mona erzählte leise von ihrer Großmutter, die 1945 vor dem noch teilweise zerstörten Dom gestanden hatte. „Sie hat gesagt: Wenn der Dom noch steht, steht auch Köln."
Wir gingen hinein. Das Licht, die Höhe, die Stille – nach dem Chaos im Zug war das wie eine andere Welt. Tony, der Technik-Nerd, war fasziniert von der Ingenieursleistung. Tippi, die Ästhetin, war still vor Ehrfurcht. Mona, die Rheinländerin, lächelte wissend: „Jedes Mal, wenn ich hier reinkomme, ist es das gleiche Gefühl."
Die Bratwurst am Dom: Tippi's großes Urteil
Nach dem Dom waren wir alle hungrig. Und Mona wusste genau, was jetzt kam: Bratwurst am Dom. Nicht in einem Sternerestaurant. Sondern am klassischen Imbiss, mit Senf, in einem weichen Brötchen. So, wie es sich gehört.
Tony, der großzügige „Architekt des Exklusiven", zahlte ohne zu zögern. Drei Bratwürste, drei Senf, drei Brötchen, drei Kölsch dazu. „Ich zahl", sagte er und winkte ab, als Tippi ihre Handtasche öffnen wollte. „Heute bin ich dran. Und im Rheinland trinkt man Kölsch."
Dann kam der Moment, auf den alle gewartet hatten. Tippi – die Inhaberin einer exklusiven Bratwurst-Manufaktur, deren Trüffel-Kreationen selbst im Orient-Express bestehen – nahm ihre Bratwurst in die Hand. Sie betrachtete sie von allen Seiten. Sie roch daran. Sie biss vorsichtig hinein.
Tony und Mona hielten den Atem an.
Tippi kaute bedächtig. Sie schluckte. Sie sah Mona an. Sie sah Tony an. Dann sagte sie langsam:
„Respekt. Die ist... gut. Der Senf ist klassisch. Das Brötchen ist frisch. Das Fleisch hat Biss."
Mona atmete erleichtert aus. „Und?"
Tippi lächelte verschmitzt. „Aber meine Trüffel-Bratwurst mit dem geheimen Gewürz aus Schönbrunn gewinnt trotzdem."
Tony lachte laut. Mona schüttelte den Kopf, musste aber auch lachen. „Typisch Tippi. Selbst am Kölner Dom kann sie nicht aufhören, ihre Manufaktur zu promoten."
„Ist ja auch wahr", sagte Tippi und biss wieder in ihre Bratwurst. „Aber die hier? Die hat Herz. Das schmeckt man."
„Eine gute Bratwurst erkennt man nicht am Preis. Sondern daran, ob man sie vor dem Kölner Dom isst – oder im Orient-Express." — Tippi von Wolkenstein
Die Rückfahrt: Die Stille nach dem Sturm
Am späten Nachmittag kehrten wir zum Hauptbahnhof zurück. Pünktlich um 17:17 Uhr stiegen wir auf Gleis 10 A-B in die S6 (Richtung Essen Hbf), die uns direkt zurück nach Langenfeld bringen sollte.
Und der Zug war... leer.
Keine Fans. Keine Schals. Kein Kölsch. Kein Gesang. Nur die ruhige, fast melancholische Stimmung einer S-Bahn am frühen Abend. Das goldene Licht der untergehenden Sonne fiel durch die großen Fenster.
Wir setzten uns zusammen in eine Reihe. Tony legte seinen Arm um Tippi. Mona lehnte sich an die Scheibe. Draußen zog das Rheinland vorbei – Felder, kleine Städte, der Rhein in der Ferne.
Lange sagte niemand etwas. Auf dem kleinen Tisch vor uns: ein leeres Kölsch-Glas, Tonys zusammengefalteter Fahrplan, Tippi's leeres Sektfläschchen. Die Relikte eines verrückten Tages.
„Wahre Eleganz ist nicht, im Orient-Express Champagner zu trinken. Wahre Eleganz ist, in der S6 zwischen 200 singenden Fußballfans die Fassung, den Stil und das 0,2l Sektfläschchen zu bewahren." — Tippi von Wolkenstein
„Meine Schwester ist die härteste Kritikerin, die ich kenne. Wenn sie eine rheinische Bratwurst vor dem Dom lobt, dann ist das für mich ein höherer Orden als das Bundesverdienstkreuz." — Mona
Dann sagte Tippi leise: „Weißt du, was das Schönste an heute war?"
Tony rätselte: „Der Dom?" – „Nein." – „Die Bratwurst?" – „Auch nicht."
Mona lächelte: „Dann sag schon."
Tippi sah beide an. „Dass wir alle zusammen hier sitzen. Nach dem Chaos, nach dem Dom, nach der Bratwurst, nach allem. Dass wir diesen Tag geteilt haben."
Mona nickte langsam. „Das ist Familie."
Tony drückte Tippi's Schulter. Er sah aus dem Fenster, wo die Abendsonne den Rhein in Gold tauchte. Dann sagte er leise, mit diesem typischen Tony-Lächeln:
„Egaaal, wir sind auf Schienen. Und das ist gut so."
Mona lachte. Tippi lehnte ihren Kopf an seine Schulter. Und die S6 trug uns ruhig und gleichmäßig zurück. Um 17:45 Uhr waren wir wieder sicher in Langenfeld – vorbei an all den Orten, die wir heute gesehen hatten, aber jetzt in einem ganz anderen Licht.
Abschied von Mona
Doch die Reise endete hier noch nicht ganz. Wir blieben noch einen weiteren, ruhigen Tag bei Mona in Langenfeld. Ein Tag ohne Fahrpläne, ohne Dom und ohne Fußball-Chaos – einfach nur gutes Essen, lange Gespräche und die stille Gewissheit, dass dieser Trip unvergesslich war.
Erst am nächsten Morgen machten wir uns endgültig auf den Heimweg. Diesmal nicht auf Schienen, sondern auf der Straße.
Mona verabschiedete sich herzlich. „Kommt bald wieder", sagte sie und drückte Tippi kurz. Tony stand schon am Auto, den Schlüssel in der Hand, und nickte ihr zu. Dann stiegen wir ein – der silberne MG ZS glitt lautlos los, und wir ließen das Rheinland hinter uns.
🚃 Gut zu wissen: Die S6 ins Herz des Rheinlands
Für alle, die diesen Kontrast aus Ruhe und Chaos nachleben möchten:
- Strecke: Langenfeld (Rheinland) ↔ Köln Hbf
- Zug: S6 (Richtung Köln-Worringen / Richtung Essen Hbf)
- Hinfahrt: 09:34 Uhr ab Langenfeld (Gl. 4) → 10:03 Uhr an Köln Hbf (Gl. 10)
- Rückfahrt: 17:17 Uhr ab Köln Hbf (Gl. 10 A-B) → 17:45 Uhr an Langenfeld
- Der Wendepunkt: Haltestelle Leverkusen-Mitte (hier steigt meist das Fußball-Publikum zu)
- Unser Tipp: Für die Rückfahrt vom Dom zum Hbf lieber 15 Minuten extra einplanen – die Wege sind lang, und die Bratwurst will in Ruhe genossen werden.