Panoramablick in die Rhön

Der Schienenersatzverkehr ins Nirgendwo

Oder: Wie der perfekte ICE 506 zur 35-Grad-Hölle in den „Toten Tälern“ wurde.

Tippi und Tony in leichter Sommerkleidung vor einem alten SEV-Bus in den Toten Tälern
Vom High-Speed-Traum zum SEV-Albtraum: Wenn der ICE 506 mitten im Naturschutzgebiet „Tote Täler“ kapituliert.

Es sollte der perfekte Start werden. Die Route war heilig: Vom winzigen Haltepunkt Kissenthal über Schweinfurt nach Bamberg. Pünktlich um 14:42 Uhr standen wir auf dem Bahnsteig. Der ICE 506 Richtung Berlin wartete bereits, sein weißer, aerodynamischer Bug glänzte in der Mittagssonne.

Tippi vollzog das Ritual. Mit einer eleganten Bewegung zog sie das kleine 0,2l Sektfläschchen aus ihrer thermoisolierten Lederhandtasche. Plopp. Ein kurzer Anstoßen, ein Schluck Heimat, und wir stiegen in den klimatisierten Luxus des ICE 506.

Die Fahrt verlief anfangs makellos. Wir rauschten durch Thüringen, Richtung Erfurt. Doch die DB hatte andere Pläne. Kurz vor Naumburg, mitten im Naturschutzgebiet „Tote Täler“ im Burgenlandkreis, verabschiedete sich der ICE 506 mit einem letzten, metallischen Seufzen. Die trockenen, orchideenreichen Kalksteinhänge dieses Gebiets heizen sich im Sommer ohnehin wie ein Backofen auf – aber als um 17:30 Uhr auch noch die Klimaanlage des Zuges ausfiel, war das Schicksal besiegelt.

Innerhalb von zehn Minuten verwandelte sich der High-Speed-Zug in einen rollenden Saunaofen bei 35 Grad Außentemperatur. Die Hitze staute sich zwischen den sonnendurchfluteten Felswänden und dem stehenden Zug. Die Stimmung kippte von genervt zu potenziell gewalttätig.

Dann kam die Ansage: „Meine Damen und Herren, aufgrund eines technischen Defekts müssen wir hier evakuieren. Ein Schienenersatzverkehr steht bereit.“

Wir stiegen aus. Die Sonne brannte unbarmherzig auf den Schotter und die trockene Erde der „Toten Täler“. Und dort stand er. Unser Retter in der Not. Ein uralter, gelber Reisebus aus den 90er Jahren, dessen Lack blätterte und der augenscheinlich keine Klimaanlage besaß. Der Fahrer, ein schwitzender Mann namens Horst, winkte uns müde zu.

„Tony, Schatz, dieser Bus sieht aus, als hätte er den Fall der Berliner Mauer im Innenraum miterlebt. Wenn wir hier in den 'Toten Tälern' einsteigen, überleben wir das entweder als Hitzeschlag-Statistik oder als Legende. Ich nehme letzteres.“ — Tippi von Wolkenstein

Die Odyssee mit Horst

Tippi und Tony in Sommerkleidung organisieren ein improvisiertes Picknick in den Toten Tälern
Improvisationstalent: Wenn der SEV in den „Toten Tälern“ pausiert, wird die Landstraße zum Gourmet-Restaurant.

Wir stiegen ein. Der Bus roch nach kaltem Schweiß, altem Kunstleder und Resignation. Horst trat aufs Gas, und der Bus ruckelte mit der Geschwindigkeit einer lahmen Schildkröte über die staubige Landstraße, die sich durch die karge, trockene Landschaft Sachsen-Anhalts schlängelte. Nach 20 Minuten standen wir plötzlich an einer einsamen Kreuzung im Nirgendwo. Horst stieg aus und ging zu einem lokalen Bauern auf einem Traktor, um nach dem Weg zu fragen.

Die Passagiere im Bus begannen zu murren. Ein Mann in der dritten Reihe fing an, lautstark über die DB zu schimpfen. Die Panik drohte auszubrechen.

Das war der Moment, in dem Tippi ihre Handtasche öffnete. Sie zog nicht nur zwei eiskalte Flaschen ihres Lieblings-Gins heraus, sondern auch eine Packung vakuumversiegelter Trüffel-Bratwürste und ein Dutzend 0,2l Sektfläschchen.

Sie stand auf. Ihr elegantes, figurbetontes Sommerkleid aus fließender Leinen-Seide wehte leicht im heißen Fahrtwind. Sie sah aus wie eine Göttin, die sich gerade entschieden hatte, den Olymp zu verlassen, um ein paar Sterbliche in der sachsen-anhaltischen Trockenis zu retten. „Meine Damen und Herren“, rief sie mit einer Stimme, die sofort den ganzen Bus zum Schweigen brachte. „Der ICE 506 mag uns im Stich gelassen haben. Aber wir haben noch Gin. Und wir haben noch Wurst. Wer mir jetzt hilft, diese Würste auf dem Auspuff dieses Busses zu garen, bekommt sofort einen Sekt.“

Thermodynamik und Trüffel auf dem Auspuff

Tippi und Tony in Sommerkleidung organisieren ein improvisiertes Picknick in den Toten Tälern
Improvisationstalent: Wenn der SEV in den „Toten Tälern“ pausiert, wird die Landstraße zum Gourmet-Restaurant.

Während Horst und der Bauer (der sich als Xaver entpuppte und sofort Gefallen an Tippi fand) die Route diskutierten, nutzte Tony die Zeit. Auch er hatte sich der Hitze angepasst: Er trug ein helles, oben leicht geöffnetes Leinenhemd und eine helle Chino-Hose. Er stieg aus, öffnete seinen Koffer und holte seinen Taschenrechner und ein Thermometer hervor.

„Faszinierend“, murmelte Tony, während er die Temperatur am Auspuffrohr des Busses maß. „Der Motor läuft im Leerlauf bei 90 Grad. Die Umgebungstemperatur hier in den Kalksteinmulden beträgt 35 Grad. Wenn wir die Würste in Alufolie wickeln und exakt 14 Minuten auf den Krümmer legen, erreichen wir einen perfekten Medium-Rare-Garpunkt, ohne dass die Haut platzt.“

DAS SURREALE PICKNICK

40 gestrandete Fahrgäste feiern das surrealste Picknick der deutschen Bahngeschichte in den Toten Tälern
Das surrealste Picknick der deutschen Bahngeschichte: 40 Fahrgäste, Trüffel-Bratwürste vom Auspuff und die besten Gin-Tonics der Toten Täler.

Was folgte, war das surrealste Picknick der deutschen Bahngeschichte. Mitten auf einer staubigen Landstraße am Rand der „Toten Täler“, hinter einem uralten SEV-Bus, standen 40 gestrandete Fahrgäste im Kreis. Tony verteilte die perfekt gegarten Trüffel-Bratwürste auf Papptellern. Tippi mixte mit Hilfe von Xaver dem Bauern (der frische Zitronen und Basilikum aus seinem Garten holte) die besten Gin-Tonics, die je auf diesem trockenen Boden serviert wurden.

Der Mann, der vorher noch am lautesten geschimpft hatte, biss in seine Wurst, trank einen Schluck Gin-Tonic und seufzte: „Wissen Sie, der ICE 506 ist schon okay. Aber das hier... das hier ist Urlaub.“

Die Ankunft in Bad Kösen

Tippi und Tony erreichen triumphierend den Bahnhof Bad Kösen
Ankunft in Bad Kösen: Keine gestressten Opfer, sondern Helden der Schiene. Horst winkt, Tippi stößt an.

Zwei Stunden später, als der Bus endlich den Bahnhof Bad Kösen erreichte, stiegen wir nicht als gestresste, verschwitzte Opfer des Schienenersatzverkehrs aus. Wir stiegen aus wie eine Karawane, die gerade eine Oase entdeckt hatte. Horst der Busfahrer winkte uns nach, Xaver der Bauer hatte Tippi seine Handynummer gegeben, und die Passagiere klatschten, als wir den Bahnsteig betraten.

Tony wischte sich den Staub von seinem hellen Leinenhemd, schob seine Sonnenbrille in die Stirn und sah auf seinen Fahrplan.

„Gut", sagte er mit einem zufriedenen Nicken. „Wir sind in Bad Kösen. Der RE15 nach Leipzig fährt in 14 Minuten. Und in Leipzig haben wir exakt 22 Minuten Umsteigezeit zum ICE 90 nach Berlin. Das schaffen wir."

Tippi nahm einen eleganten Schluck aus ihrem letzten 0,2l Sektfläschchen und lächelte in die untergehende Sonne, die die „Toten Täler" in ein warmes, goldenes Licht tauchte.

Der Weg nach Berlin

Der RE15 war ein Regionalzug wie aus dem Lehrbuch: pünktlich, sauber, und mit funktionierender Klimaanlage. Wir fanden zwei Plätze am Fenster, und Tony begann sofort, die Pünktlichkeit zu dokumentieren.

In Leipzig Hauptbahnhof angekommen, hatten wir tatsächlich 22 Minuten Zeit. Tony navigierte uns mit der Präzision eines Schachgroßmeisters durch den Bahnhof. „Gleis 14, ICE 90, Wagen 7, Platz 45 und 46", murmelte er, während wir über die Rolltreppen eilten.

Der ICE 90 nach Berlin war das pure Gegenteil des ICE 506: brandneu, makellos klimatisiert, und mit einem funktionierenden Bordbistro. Wir fanden unsere Plätze, und Tippi lehnte sich zurück.

„Weißt du, Tony", sagte sie, während der Zug sanft anfuhr, „der ICE 506 war ein Desaster. Aber diese Route hier - Bad Kösen, Leipzig, ICE 90 - das ist eine alternative Meisterleistung der DB. Ich werde das in meinen Reisebericht aufnehmen."

Um 21:47 Uhr erreichten wir Berlin Hauptbahnhof. Pünktlich. Ohne weitere Zwischenfälle.

Das Fazit

„Ich habe die thermodynamischen Eigenschaften von Stahl und Kalkstein bei 35 Grad Außentemperatur berechnet. Aber ich habe nie bedacht, dass die effizienteste Methode, eine Bratwurst zu garen, der Auspuff eines Busses aus dem Jahr 1993 ist. Der ICE 506 fährt schnell, aber dieser Bus kocht perfekt. Und am Ende haben wir Berlin trotzdem erreicht - über Bad Kösen und Leipzig. Das ist deutsche Bahnlogistik in Reinform." — Tony S. Land

Tippi nahm einen eleganten Schluck aus ihrem letzten 0,2l Sektfläschchen, das sie somehow noch kühl halten konnte, und blickte auf den Berliner Hauptbahnhof.

„Eine Reise beginnt mit dem Fahrplan, Tony. Aber sie endet mit dem Charakter. Der ICE 506 hat uns die Schienen gezeigt, aber Horst und sein Auspuff haben uns das Leben gezeigt. Und das Leben schmeckt nach Gin und Trüffel. Außerdem: Bad Kösen war eigentlich ganz hübsch. Und der RE15 nach Leipzig war pünktlich. Vielleicht sollte die DB öfter Umwege über die Toten Täler anbieten." — Tippi von Wolkenstein