Panoramablick in die Rhön

Der ICE in die Schweiz

Oder: Wie wir fast zu Industriespionen wurden.

Tippi wird im ICE von einer Zollbeamtin kontrolliert, während Tony seine Zeichnungen zeigt
Die Wurst-Diplomatie: Tippi bleibt eiskalt, während Tony für Industriespionage gehalten wird.

Die Strecke entlang des Hochrheins ist eigentlich ein Traum. Der ICE 4 gleitet majestätisch durch die grünen Täler, die Sonne scheint, und Tony sitzt mit seinem großen, aufgeschlagenen Papier-Fahrplan auf dem Tisch. Daneben liegen seine detaillierten technischen Zeichnungen einer neuen Weichenkonstruktion. Tippi sitzt ihm gegenüber, die Beine elegant übereinandergeschlagen, und poliert genüsslich ein 0,2l Sektfläschchen. In ihrer großen Lederreisetasche neben ihr klirren leise sechs Flaschen ihres Lieblings-Gins und zwölf weitere Sektfläschchen.

Doch bei der Einfahrt in den Grenzbahnhof Schaffhausen ändert sich die Stimmung schlagartig. Der Zug hält. Die Türen gehen auf, und zwei Zollbeamte in dunklen Uniformen steigen ein. Ihr Blick scannt den Waggon wie ein Laser. Sie bleiben genau vor unserem Abteil stehen.

Der Verdacht

„Papiere. Und was haben Sie da vor?“, blaffte der männliche Beamte und deutete auf Tonys Zeichnungen.

Tony, völlig unbeeindruckt, tippte auf den Fahrplan. „Das ist der Fahrplan für die Strecke Basel–Zürich. Und das hier“, er hob die technische Zeichnung hoch, „ist eine Analyse der Rad-Schiene-Kontaktfläche bei Kurvenfahrt im Radius von 300 Metern.“

Der Beamte verengte die Augen. „Rad-Schiene-Kontaktfläche? Das klingt nach Spionage. Arbeiten Sie für die Konkurrenz? Wollen Sie unsere Streckenführung kopieren?“

Bevor Tony antworten konnte, wandte sich die zweite Beamtin – eine Frau mit einem Blick so scharf wie ein Schweizer Taschenmesser – Tippi zu. Sie öffnete mit einem Ruck Tippi's elegante Reisetasche. Sechs Flaschen Gin. Zwölf Sektfläschchen.

„Das ist gewerbsmäßiger Schmuggel“, stellte sie trocken fest. „Und was haben Sie am Körper? Stehen Sie bitte auf. Wir müssen eine Leibeskontrolle durchführen.“

Tippi seufzte, stellte ihr Sektfläschchen ab und erhob sich in ihrer vollen, majestätischen Pracht. Sie trug ihren hellbeigen Trenchcoat und die dunklen Stiefel. Die Zollbeamtin begann, Tippi's Taschen abzutasten und ihre Beine abzuklopfen. Tippi blickte auf die Frau herab, als würde sie gerade eine etwas langweilige Theateraufführung beobachten.

„Meine Liebe, das einzige, was ich über die Grenze schmuggle, ist mein exzellenter Geschmack. Und falls Sie in meinen Taschen nach Sprengstoff suchen: Das einzige, was dort explodiert, ist das Bouquet meines Gins.“ — Tippi von Wolkenstein

Die Beamtin fand natürlich nichts. Außer einem Seidentuch und einem Lippenstift. Sie trat einen Schritt zurück, sichtlich irritiert von Tippi's Ausstrahlung, aber immer noch misstrauisch. „Wir müssen das Gepäck und die Unterlagen beschlagnahmen und zur Prüfung mitnehmen. Sie beide kommen mit zur Vernehmung.“

Die kulinarische Wende

Tony klappte seinen Fahrplan zu. „Das wird schwierig. Ich habe um 15:42 Uhr einen Anschluss in Zürich.“

In diesem Moment geschah das Wunder. Tippi lächelte. Es war kein freundliches Lächeln, sondern das Lächeln einer Schachspielerin, die gerade den König des Gegners matt gesetzt hat. Sie griff in Tonys Rucksack und holte eine vakuumversiegelte, handgefertigte Trüffel-Bratwurst aus ihrer Manufaktur hervor. Dann nahm sie eine der Gin-Flaschen und zwei der 0,2l Sektfläschchen.

„Meine Herren, meine Dame“, sagte Tippi und stellte die Wurst und den Gin auf den kleinen Tisch zwischen den Sitzen. „Sie suchen nach Verbrechen. Ich biete Ihnen kulinarische Aufklärung. Das ist eine Trüffel-Bratwurst aus meiner eigenen Manufaktur. Und das hier ist ein Gin, der nach 42 botanischen Noten schmeckt. Lassen Sie uns das hier unter uns klären.“

Der männliche Beamte starrte die Wurst an. Sein Magen knurrte laut und vernehmlich durch den stillen Waggon. Die weibliche Beamtin roch an der offenen Gin-Flasche. Ihre strengen Schultern entspannten sich millimeterweise.

Die Zollbeamten genießen die Trüffel-Bratwurst und den Gin bei Tony und Tippi im Abteil
Die Wurst-Diplomatie zeigt Wirkung: Aus strenger Kontrolle wird ein kulinarisches Stelldichein.

Fünf Minuten später saßen die beiden Zollbeamten bei uns im Abteil. Der männliche Beamte aß die Trüffel-Bratwurst mit geschlossenen Augen und stöhnte leise vor Genuss. Die weibliche Beamtin nippte an ihrem Sekt-Gin-Gemisch und erklärte Tony, dass seine Weichenkonstruktion eigentlich „ganz passabel“ sei.

Am Ende stempelten sie Tonys Zeichnungen als „unbedenklich“, winkten bei Tippi's Gin durch („Privatgebrauch, klar“) und verließen den Zug mit einem freundlichen „Gute Weiterreise“.

Das Fazit

Als sich die Türen schlossen, schaute Tony auf seine geretteten Zeichnungen, dann zu Tippi und grinste:

„Ich habe jahrelang die Physik der Schienen studiert. Aber ich habe nie gedacht, dass die größte Bremskraft im internationalen Verkehr von einer Trüffel-Bratwurst ausgeht.“ — Tony S. Land

Tippi lehnte sich zurück, öffnete ihr nächstes Sektfläschchen und prostete ihm zu:

„Tony, Schatz, eine Leibeskontrolle ist nur der Versuch eines Mannes, meine Garderobe zu bewundern, ohne nach dem Preis zu fragen. Aber merk dir eins: An der Grenze entscheidet nicht das Gesetz. An der Grenze entscheidet der Gin. Und meine Wurst.“ — Tippi von Wolkenstein