Die Zugteilung in Hannover
Oder: Der 180-Sekunden-Sprint der Eleganz.
Der ICE 512 von München nach Berlin. Wir saßen entspannt in Waggon 24, genossen die sanfte Fahrt und das leise Surren der Klimaanlage. Tony hatte seinen großen Papier-Fahrplan auf dem Tisch ausgebreitet und markierte mit einem Bleistift unsere geplante Route. Alles war perfekt.
Dann ertönte sie. Die Stimme des Schicksals. Kalt, metallisch und unerbittlich aus dem Lautsprecher:
„Meine Damen und Herren, dieser Zug wird in Hannover geteilt. Der vordere Zugteil fährt weiter nach Berlin, der hintere Zugteil fährt nach Köln. Bitte beachten Sie die Ansagen an den Wagenübergängen.“
Tony erstarrte. Sein Blick wanderte von seinem Fahrplan zu der kleinen gelben Reservierungsanzeige über unserem Sitz. Waggon 12, Platz 45.
„Tony“, sagte ich ruhig, während ich mein 0,2l Sektfläschchen zuklappte. „Sag mir, dass wir nicht im hinteren Teil sitzen, der nach Köln fährt, während unsere Reservierung im vorderen Teil nach Berlin ist.“
Er blickte auf seine Armbanduhr. „Wir haben exakt 180 Sekunden bis zur planmäßigen Abfahrt. Der Aufzug am Ende des Bahnsteigs ist eine Falle, dort steht immer eine Menschentraube. Wir müssen über Treppe 4, durch den alten Unterführungskorridor B und dann hoch zu Waggon 12.“
Die militärische Operation
„Meine Stiefel sind für elegante Abendessen und Gin-Verkostungen gemacht, Tony, nicht für Leichtathletik. Aber für diesen Moment mache ich eine Ausnahme. Führe mich.“ — Tippi von Wolkenstein
Was folgte, war keine Panik. Es war eine militärische Operation. Tony faltete seinen Fahrplan zusammen, griff nach seinem Koffer und stürmte aus der Tür. Ich folgte ihm. Der Bahnsteig in Hannover war ein einziges Chaos aus verwirrten Fahrgästen, die in die falsche Richtung liefen.
Ich nutzte meinen Trenchcoat wie einen Eisbrecher. Mit einer Kombination aus entschlossenem Blick und eleganter, aber unnachgiebiger Körperhaltung bahnte ich uns einen Weg durch die Menge. „Entschuldigung, wichtiger Anschluss“, murmelte ich, während ich an einem Mann mit einem riesigen Koffer vorbeiglitt, als wäre ich eine Ninja-Kriegerin.
Tony navigierte uns mit der Präzision eines Schachgroßmeisters. „Links! Jetzt rechts die Treppe runter! Nicht auf den Rollstuhl achten, der ist frei!“
Wir hetzten durch die kühle Unterführung. Meine Stiefel klackten im perfekten Rhythmus auf dem Beton. 60 Sekunden. Wir erreichten die andere Treppe. 30 Sekunden. Wir spurteten an Waggon 18 vorbei. 15 Sekunden.
Wir erreichten Waggon 12 genau in dem Moment, als die Türen mit einem warnenden Piepen zu schließen begannen. Tony warf sich durch die sich schließende Tür, zog mich am Arm hinterher, und die Türen schlossen sich mit einem zufriedenen Zischen direkt hinter uns.
Das Ziel erreicht
Wir standen im Einstiegsbereich, leicht außer Atem. Mein Haar war nur minimal in Unordnung geraten. Tony richtete seine Brille, die sich beim Sprint um einen Millimeter verschoben hatte.
Wir gingen zu unseren reservierten Plätzen in Waggon 12. Draußen sah ich durch das Fenster, wie sich der Zug mit einem Ruck teilte. Der hintere Teil, in dem wir noch vor drei Minuten gesessen hatten, fuhr langsam in Richtung Köln davon.
Ich setzte mich auf meinen perfekten Fensterplatz, öffnete mein Sektfläschchen und prostete Tony zu, der gerade seinen Papier-Fahrplan wieder glattstrich.
„Ich habe die Kupplungsmechanik der Baureihe 407 jahrelang studiert. Aber die effizienteste Bewegung, die ich je auf einem deutschen Bahnsteig gesehen habe, war heute der Weg von dir durch die Menge. Dein Trenchcoat hat eine bessere Aerodynamik als der ICE selbst.“ — Tony S. Land
Tippi nahm einen eleganten Schluck Sekt, blickte aus dem Fenster auf den sich entfernenden falschen Zugteil und lächelte ihr mysteriöses, selbstsicheres Lächeln.
„Panik ist für Menschen, die keinen Fahrplan haben, Tony. Wir haben nicht den Zug verpasst. Wir haben ihn nur gezwungen, auf unser Tempo zu warten. Und jetzt: Schenk mir einen Gin ein. Dieser Sprint hat mich durstig gemacht.“ — Tippi von Wolkenstein